Die alte Lady (B1)

Die alte Lady

Hannes Diehsel ist der Fahrer unseres Schulbusses. Er fährt sehr sicher und hat noch nie einen Unfall gehabt. Er ist immer pünktlich auf die Minute und war noch keinen Tag krank.
Doch irgendetwas hatte dieser Mann zu verbergen und ich sah es als meine Aufgabe dieses Geheimnis zu lüften.

Auch heute begrüßte er jeden von uns mit einem herzlichen „Guten Morgen!“. Er wartete, bis jeder einen Sitzplatz gefunden hatte und fuhr dann zur nächsten Haltestelle.
Aber etwas hatte sich verändert. Bei jedem Wort, das ihm von den Lippen drang, blieb ein zittriger Nachgeschmack haften. Normalerweise machte er Späße und achtete darauf dass Keiner durch übermäßiges Raufen zu Schaden kam. Doch heute schwieg er die meiste Zeit und hielt seinen Blick starr auf die Straße gerichtet. Seine Hände hatte er verkrampft um das Lenkrad geschlossen und konzentrierte sich so stark auf die Straße, dass er nicht einmal reagierte, als Mirko Lara an den Haaren zog und sie kreischend aufsprang.
Je länger ich ihn beobachtete, umso sicherer wurde ich, dass etwas mit ihm nicht stimmte.
Ich holte aus meinem Rucksack einen Stift und einen Block hervor und begann darauf zu schreiben. In der letzten Kurve vor der Schule ließ ich meinen Stift fallen und kroch unter die Sitzbänke um ihn aufzuheben. Meine Mitschüler beachteten mich nicht.
Ich kroch weiter nach vorne in Richtung Fahrersitz. Unter der letzten Sitzreihe, hinter der verdunkelten Rückwand der Fahrerkabine hielt ich inne und wartete.
An der Schule verließen alle Schüler den Bus. Ich atmete so leise wie möglich und hielt meinen Notizblock und Stift fest an mich gepresst. Sobald Hannes losfuhr konnte ich dann alles notieren, was meine Sinne aufnahmen.
Die Türen schlossen sich und Hannes Diehsel trat auf das Gaspedal.
„Aufgabe erledigt.“
„Gut, gut. Dann bringen Sie das Kind vorbei.“, ertönte es aus dem Lautsprecher des Funkgeräts.
Stille.
Ich versuchte einen besseren Blick auf Hannes zu erspähen. Der Rückspiegel half mir dabei und ich musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass unser sonst so freundlicher Busfahrer grimmig den Asphalt betrachtete.
Der Bus polterte über die Straßen und ich stieß mir mehr als einmal den Kopf an. Die Fahrt schien nie enden zu wollen. Wohin brachte er mich? Weshalb hatte er mich noch nicht aus meinem Versteck gezerrt? Wollte er mich in Sicherheit wiegen?
Immer wieder quietschten die Reifen und ich wurde hin und her geschuckelt. Doch dann trat Hannes Diehsel ein letztes Mal auf die Bremse. Ruckartig kam der Bus zum Stehen. Der Motor verstummte und die Lampen an der Decke verloschen.
Mein Herz raste.
Hannes zog den Schlüssel aus dem Schloss und seufzte. Er nahm seine Tasche und öffnete die Vordertür. Bevor er den Bus verließ, blieb er im Gang stehen und betrachtete die Sitzreihen.
„Nun ist es aus.“, schoss es mir durch den Kopf und ich war darauf gefasst unter der Bank hervorgezogen zu werden.
„Du wirst mir fehlen.“, sprach Hannes und näherte sich den Sitzreihen. Direkt neben mir blieb er stehen.
Hannes beugte sich vor. „Aber frieren sollst du nicht.“ Und verschloss das einzige geöffnete Fenster.
„Mach’s gut, alte Lady.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ den Bus.
Ich sprang auf um zu sehen, wohin er ging. Dabei stieß ich mir wieder den Kopf ein.
„Autsch!“
Hannes Diehsel drehte sich um und sah mich an. Verwirrt kratze er sich am Kinn und kam wieder einen Schritt auf den Bus zu. Er öffnete die Fahrertür und stand einfach nur schweigend da.
„Ich…“
„Ja?“ Sein Tonfall war gewohnt ruhig.
„Wieso wollen sie mich entführen?“, zitternd stand ich vor ihm.
„Ich dich entführen?“
„Die Stimme sagte doch, bringen Sie das Kind vorbei.“ Ich zog die Stirn kraus.
Hannes lachte. „Ich will dich doch nicht entführen!“
„Und warum sind sie dann heute so – so anders?“
„Weißt du…“ Das Lachen verstarb und Hannes blickte mich traurig an. „Ich fahre nun schon seit zwanzig Jahren mit der alten Lady durch die Straßen.“ Er seufzte. „Doch nun ist ihre Zeit gekommen.“
„Oh!“ Ich wurde rot. Wieso musste ich auch überall einen Kriminalfall wittern. Manchmal waren die Dinge doch wirklich ganz anders, als sie den Anschein hatten.
„Mach’s gut, alte Lady.“, flüsterten wir dann zum Abschied und verließen den Bus.

(23. – 25.10.2007)