Fahrt ins Irgendwo (B3)

Fahrt ins Irgendwo

John Feddersen ist eigentlich ein Mann, der seine Stifte mit dem Lineal anordnet und seine Bücher im rechten Winkel zur Schreibtischkante auf den Tisch legt. Ohne Ordnung kann er nicht leben und deshalb sind ihm andere Menschen zuwider. Jedes Mal wenn er sich bemühte in der Freizeit Kontakte zu ihnen zu knüpfen, artete dies in Chaos und unvorhergesehenen Ereignissen aus. Deshalb beschloss er lieber für sich zu bleiben und die Kommunikation zu anderen Individuen auf das Nötigste zu beschränken.
Doch dann kam ein Tag in seinem Leben der alles wieder ins Lot bringen sollte.

An einem Donnerstag im Dezember verließ John Feddersen wie jeden Tag sein Büro pünktlich um 17:30 Uhr. Er verabschiedete sich vom Pförtner, dies verlangte schließlich die Höflichkeit, und stieg wenige Minuten später in den Bus, der ihn bis vor die Haustür bringen würde. Doch heute war alles anders.
Der Busfahrer war nicht wie sonst Willy Otremba, sondern ein lustig dreinblickender Mann, der ein Koboldkostüm trug.
„Frohe Weihnachten!“, wünschte dieser. John Feddersen nickte dankend und setzte sich in eine der Sitzreihen. Bis auf ihn und den Fahrer, war der Bus leer. John dachte sich nichts dabei und blätterte in der Tageszeitung, die er jeden Tag auf der Heimfahrt las.
Doch heute wollte die Fahrt nicht enden. Auch machte der Busfahrer keine Anstalten eine einzige Haltestelle anzufahren.
John ließ seine Zeitung sinken. „Was ist das hier für ein Bus? Wohin fahren Sie mich? Und warum gibt es keine anderen Fahrgäste?“ Er dachte sofort an eine Entführung. Doch wer sollte Interesse daran haben einen Büroangestellten aus seinem Umfeld zu reißen?
„Sie werden schon sehen“, grinste der Fahrer und beschleunigte den Bus.
Nach schier endloser Zeit endete die Fahrt.
Durch die Scheiben konnte John nicht viel erkennen. Einzig ein paar Lichter die in der Ferne flackerten.
„Endstation. Bitte steigen Sie aus“, sprach der Fahrer und öffnete die Tür.
Feddersen erhob sich und trat mit zitternden Knien aus dem Bus. Warum war er bloß eingestiegen? Er hätte bereits zu dem Zeitpunkt aufmerksam werden soll, als Otremba nicht am Steuer saß. Dann wäre er nun bei sich zu Hause und sein Leben würde nicht aus den Fugen geraten.
„Willkommen John“, flüsterte eine Stimme vor ihm. Er kannte diese Stimme und sein Herz begann schneller zu schlagen. Das konnte doch nicht möglich sein!
John trat hinaus ins Freie und spürte wie Schneeflocken auf seinem Gesicht schmolzen. Vor ihm stand Lilly. John schloss die Augen. Das war unmöglich! Lilly war vor Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen! Wie konnte sie nun vor ihm stehen?
„John, sieh mich an, ich bin es wirklich!“ Lilly legte ihre Hand an sein Kinn. In ihren Augen glänzten Tränen.
John fand keine Worte. Er schüttelte nur den Kopf und blickte Lilly an. Sie sah wie Lilly aus. Ihre Stimme klang wie Lilly’s. Sie roch sogar wie sie! Aber wie konnte dies möglich sein? Die Ärzte hatten gesagt, dass sie sie nicht retten konnten. Er hatte an ihrem Sarg getrauert. Jeden Sonntag besuchte er ihr Grab und brachte ihr neue Blumen. Sie war stets die einzige gewesen, der sein Herz gehörte und für die er sein Leben opfern würde. Doch dann starb sie.
„Wie – ist dies möglich?“
„John, hast du je meinen Leichnam gesehen?“
Er schüttelte den Kopf und Lilly nickte. Sie wusste nur zu genau, was sie ihm angetan hatte. „Ich konnte es dir nicht eher sagen, doch ich brauche dich nun. Ich musste die Identität und damit mein Leben wechseln. Und jetzt ist die Zeit gekommen. Ich möchte dich mitnehmen.“
„Wohin?“ John verstand zwar nicht, was sie von ihm wollte und was geschehen war, doch er wusste er konnte ihr vertrauen und sie würde ihm alles erzählen, wenn die Zeit dafür gekommen war.
„Ich werde dich in ein Leben mitnehmen, wo nicht die Ordnung herrscht. Aber ich werde bei dir sein und von nun an wird kein Geheimnis mehr zwischen uns stehen.“
„Warum?“
„John, ich bin eine Geheimdienstbeauftragte, und nun ist auch für mich die Zeit gekommen sesshaft zu werden.“
Sie lächelte ihn an, reichte ihm ihre Hand und John ergriff sie mit klopfendem Herzen. Er wusste er konnte ihr vertrauen, auch wenn er dafür sein Leben aufgeben musste. Doch ohne Lilly war er verloren und verdammt auf immer in Einsamkeit zu leben.
(6. Dezember 2007)