Wintersonnenwende in Gefahr

FaWintersonnenwende in Gefahr

Die kleine Fee Minda saß neben dem Feuervogel Fa auf einem Stein und blickte hinauf zur Höhlendecke. Der Goblin Gnirf hockte auf dem Boden und schnippte kleine Steinchen umher. „Immer warten… warten“, maulte er.
„Stimmt. Nie können wir vor den Sonnenwendfesten etwas tun“, Minda flatterte zur Höhlendecke empor und betrachtete einen der Stalaktiten eingehender. Doch dann spitzte sie die Ohren. „Hört ihr das?“ Mit weit aufgerissenen Augen flog sie zurück zu Gnirf und Fa. Beide hoben den Kopf und lauschten.
Durch die Höhlengänge hallte ein tiefes Heulen. Es drang tief in Mark und Bein ein.
Fa plusterte sich auf und schüttelte sich. Gnirf hielt mitten im Wurf inne und ließ den Stein aus seiner Hand gleiten. „Gnirf was hören. Nicht verstehen.“
„Da stimmt was nicht. – Kommt mit!“ Minda flatterte aus der Höhle und folgte dem Klagen. Fa und Gnirf beeilten sich, die Fee nicht im Labyrinth der Gänge zu verlieren.
Nach einigen Augenblicken standen sie in der Höhle des Märchenerzählers. Der Märcheneule kullerten dicke Tränen über den Schnabel.
„Warum du weinen?“ Gnirf sprang neben den Erzähler und legte seinen Kopf schief.
„Ach, wisst ihr“, brachte die Eule zwischen zwei Schluchzern hervor. „Jemand hat das Märchenbuch gestohlen! Und ich muss doch zum Festbeginn ein Wintersonnenwendmärchen verkünden.“
Minda zuckte zusammen. Ohne dem Wintersonnewendmärchen würde der Lichtvogel nicht kommen und wenn dieser fern blieb würde die Sonne nicht wenden. Doch wenn die Sonne auf ihrer Bahn verharrte, würde das Tal bald von Dunkelheit eingehüllt werden und keinen Lichtstrahl mehr erblicken. Und dann würden sie alle für immer in den Höhlen eingeschlossen sein.
„Oh nein!“, murmelte Fa.
Gnirf kauerte sich zusammen und knabberte an seinen Nägeln. Jeder im Silbertal wusste, was es bedeutete, wenn die Märchen verstummten.
„Wir werden den Dieb finden!“ Fa nickte und sah sich in der Höhle um. „Ist Ihnen in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“ Fa versuchte sich jedes kleinste Detail einzuprägen.
Gnirf ließ seine geballte Faust auf das Erzählerpult sausen und nickte grimmig. „Wir finden. Wir retten.“
„Danke euch.“ In den Augen des Märchenerzählers glomm ein Funken Hoffnung auf. Unter dem Pult holte er ein Taschentuch hervor und trocknete seine Tränen. Mit größter Sorgfalt reinigte er dann seine Brille. „Wisst ihr, ich war nur für wenige Momente fort. Frau Lebkuchen bat mich etwas vom diesjährigen Gebäck zu…“
Weiter kam er nicht, denn Minda flatterte aufgeregt herbei. „Moment! Heben Sie bitte nochmals Ihre Brille.“
Alle warfen einen Blick durch die Gläser und betrachteten die Stelle, auf die Minda deutete. Die Fee lächelte. „Also entweder wurde hier sehr lange kein Staub gewischt, oder wir sind dem Dieb dicht auf den Fersen.“
Gnirf und Fa betrachteten Minda, als würde sie ihnen erzählen, dass es im Sommer schneit. Doch Minda ließ sich nicht beirren und flatterte zum Pult. „Seht ihr diesen Nagel?“
Die beiden nickten.
„Und nun schaut mal, wessen Fell sich darin verfangen hat.“
Wieder diente die Brille als Vergrößerungsglas.
„Das ist doch… aber… seit Jahren war er nicht mehr bei mir in der Märchenstube.“
Minda nickte. „Ja. Und nicht nur in der Märchenstube.“
„Er hat vor einiger Zeit Silbertal verlassen“, warf Fa ein.
„Gnirf auch sehen wollen“, der Gnom streckte seine Hände nach dem roten Fellbüschel aus und betrachtete es eingehend. Nachdem er seinen Kopf mehrfach von der einen Seite auf die andere verlagert hatte, meinte er mit zusammen gekniffenen Augen: „Gnirf gesehen hat.“
„Du hast was?“, Fa und Minda rissen die Augen auf.
„Hab gesehen. Gestern. Kristallhöhle.“
„Warum hast du uns nichts gesagt?“ Fa blickte den Goblin aufgeregt an und wollte ihn am liebsten schütteln.
„Sollten Gnirf?“
Alle schwiegen. Minda flatterte aufgeregt in der Höhle umher. Als sie sich wieder gefasst hatte, fragte sie: „Kannst du uns zu dem Ort führen, Gnirf?“
„Gnirf können“, ein Lächeln breitete sich über seinem Gesicht aus. Behände sprang er in Richtung Höhlengang und wartete, dass die anderen ihm folgten. Doch diese sahen sich nochmals ausgiebig in der Höhle des Märchenerzählers um. Gnirf ließ sich daher auf den Boden plumpsen und bließ etwas Staub durch die Gegend.
„Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?“, wandte Minda sich wieder an den Erzähler. Dieser schüttelte den Kopf und richtete seinen Blick in weite Ferne.
Gnirf saß wie gebannt da und betrachtete den Boden vor sich. Im Staub lag ein glitzernder Kristall, der von innen heraus leuchtete. Solche gab es nur an einem Ort und keiner wagte es sie von dort zu entfernen. Einzig an hohen Festtagen wurden manche von diesen Kristallen geholt um die große Halle zu erleuchten. Doch es gab ein paar wenige Bewohner von Silbertal, die einen solchen Kristall um den Hals trugen. Meistens waren es Händler oder Musiker, die oft auf Reisen gingen und so immer ein Licht ihrer Heimat mit sich trugen. Auch Finky Rotfuchs hatte solch einen bekommen, ehe er auf Wanderschaft ging.
„Ja, es passt alles zusammen“, Fa nickte Minda zu.
„Gnirf bring uns bitte zur Kristallhöhle“, Minda flog dicht über den Kopf des Goblins und riss ihn aus seinen Gedanken. Gnirf sprang auf und führte sie durch die unterirdischen Gänge bis zur Kristallhöhle.
„Dort flackert ein Licht“, Fa deutete zitternd auf eine kleine Höhle die seit Jahren verlassen war. Vorsichtig näherten sich die drei dem Eingang.
Aus der Nähe hörten sie Jemanden vor sich hin murmeln. Minda lächelte. Nur zu gut kannte sie die Stimme von Finky Rotfuchs. Früher hatte er sie oft gehänselt, weil sie eine besonders kleine Fee war, doch sie hätte ihn niemals für einen Dieb gehalten.
Mit klopfenden Herzen betraten die drei die Höhle. Im Schein eines Feuers saß der Fuchs, das Märchenbuch vor sich auf dem Boden. Neben ihm lagen eine Feder, Tusche und etwas Sand.
„Was…“, begann Minda.
Finky zuckte zusammen und blickte, am ganzen Körper zitternd, auf. „Es… es sollte eine Überraschung werden.“
„Warum klaust du das Märchenbuch?“, wollte Fa wissen.
„Auf meinen Reisen habe ich so viele Geschichten gehört und ich wollte sie euch alle zu Mitwinter schenken“, der Fuchs ließ den Kopf hängen. „Als Entschuldigung, da ich immer so gemein zu euch allen war.“
„Du wolltest das Buch nicht stehlen?“, verwundert blickte Minda den Fuchs an. Wollte er wirklich mal etwas Gutes tun?
„Nein.“ Ohne weitere Worte reichte Finky Minda das Märchenbuch und blickte die drei entschuldigend an.
„Du hast uns allen einen ganz schönen Schreck eingejagt“, Fa warf Finky einen missbilligenden Blick zu.
„Es tut mir leid. Aber anders hätte ich niemals diese Märchen erzählen dürfen.“
Die drei nickten. Sie wussten nur zu genau, was Finky meinte. Niemand durfte auch nur in die Nähe des Märchenbuches kommen, geschweige denn es anfassen.
„Also dann. Komm mit. Lasst uns zusammen Mittwinter feiern“, Minda lächelte Finky aufmunternd an und reichte ihm ihre Hand. Gemeinsam schritten die vier im Licht des Kristalls, der mit den Wänden um die Wette funkelte, zur Festhöhle. Doch als Gnirf den Kristall wieder an Finky übergeben wollte, bestand dieser darauf, dass Minda ihn bekam. Er wusste nun, dass Freundschaften wertvoller waren als wenige Minuten der Schadenfreude.

Gnirf

(Weihnachten 2007)