Wintersonnenwende in Gefahr
1 Mai 2008
Die kleine Fee Minda saß neben dem Feuervogel Fa auf einem Stein und blickte hinauf zur Höhlendecke. Der Goblin Gnirf hockte auf dem Boden und schnippte kleine Steinchen umher. „Immer warten… warten“, maulte er.
„Stimmt. Nie können wir vor den Sonnenwendfesten etwas tun“, Minda flatterte zur Höhlendecke empor und betrachtete einen der Stalaktiten eingehender. Doch dann spitzte sie die Ohren. „Hört ihr das?” Mit weit aufgerissenen Augen flog sie zurück zu Gnirf und Fa. Beide hoben den Kopf und lauschten.
Durch die Höhlengänge hallte ein tiefes Heulen. Es drang tief in Mark und Bein ein.
Fa plusterte sich auf und schüttelte sich. Gnirf hielt mitten im Wurf inne und ließ den Stein aus seiner Hand gleiten. „Gnirf was hören. Nicht verstehen.“
„Da stimmt was nicht. - Kommt mit!“ Minda flatterte aus der Höhle und folgte dem Klagen. Fa und Gnirf beeilten sich, die Fee nicht im Labyrinth der Gänge zu verlieren.
Nach einigen Augenblicken standen sie in der Höhle des Märchenerzählers. Der Märcheneule kullerten dicke Tränen über den Schnabel.
„Warum du weinen?“ Gnirf sprang neben den Erzähler und legte seinen Kopf schief.
„Ach, wisst ihr“, brachte die Eule zwischen zwei Schluchzern hervor. „Jemand hat das Märchenbuch gestohlen! Und ich muss doch zum Festbeginn ein Wintersonnenwendmärchen verkünden.“
Minda zuckte zusammen. Ohne dem Wintersonnewendmärchen würde der Lichtvogel nicht kommen und wenn dieser fern blieb würde die Sonne nicht wenden. Doch wenn die Sonne auf ihrer Bahn verharrte, würde das Tal bald von Dunkelheit eingehüllt werden und keinen Lichtstrahl mehr erblicken. Und dann würden sie alle für immer in den Höhlen eingeschlossen sein.
„Oh nein!“, murmelte Fa.
Gnirf kauerte sich zusammen und knabberte an seinen Nägeln. Jeder im Silbertal wusste, was es bedeutete, wenn die Märchen verstummten.
„Wir werden den Dieb finden!“ Fa nickte und sah sich in der Höhle um. „Ist Ihnen in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches aufgefallen?” Fa versuchte sich jedes kleinste Detail einzuprägen.
Gnirf ließ seine geballte Faust auf das Erzählerpult sausen und nickte grimmig. „Wir finden. Wir retten.“
„Danke euch.“ In den Augen des Märchenerzählers glomm ein Funken Hoffnung auf. Unter dem Pult holte er ein Taschentuch hervor und trocknete seine Tränen. Mit größter Sorgfalt reinigte er dann seine Brille. „Wisst ihr, ich war nur für wenige Momente fort. Frau Lebkuchen bat mich etwas vom diesjährigen Gebäck zu…“
Weiter kam er nicht, denn Minda flatterte aufgeregt herbei. „Moment! Heben Sie bitte nochmals Ihre Brille.“
Alle warfen einen Blick durch die Gläser und betrachteten die Stelle, auf die Minda deutete. Die Fee lächelte. „Also entweder wurde hier sehr lange kein Staub gewischt, oder wir sind dem Dieb dicht auf den Fersen.“
Gnirf und Fa betrachteten Minda, als würde sie ihnen erzählen, dass es im Sommer schneit. Doch Minda ließ sich nicht beirren und flatterte zum Pult. „Seht ihr diesen Nagel?“
Die beiden nickten.
„Und nun schaut mal, wessen Fell sich darin verfangen hat.“
Wieder diente die Brille als Vergrößerungsglas.
„Das ist doch… aber… seit Jahren war er nicht mehr bei mir in der Märchenstube.“
Minda nickte. „Ja. Und nicht nur in der Märchenstube.“
„Er hat vor einiger Zeit Silbertal verlassen“, warf Fa ein.
„Gnirf auch sehen wollen“, der Gnom streckte seine Hände nach dem roten Fellbüschel aus und betrachtete es eingehend. Nachdem er seinen Kopf mehrfach von der einen Seite auf die andere verlagert hatte, meinte er mit zusammen gekniffenen Augen: „Gnirf gesehen hat.”
„Du hast was?“, Fa und Minda rissen die Augen auf.
„Hab gesehen. Gestern. Kristallhöhle.“
„Warum hast du uns nichts gesagt?“ Fa blickte den Goblin aufgeregt an und wollte ihn am liebsten schütteln.
„Sollten Gnirf?“
Alle schwiegen. Minda flatterte aufgeregt in der Höhle umher. Als sie sich wieder gefasst hatte, fragte sie: „Kannst du uns zu dem Ort führen, Gnirf?“
„Gnirf können“, ein Lächeln breitete sich über seinem Gesicht aus. Behände sprang er in Richtung Höhlengang und wartete, dass die anderen ihm folgten. Doch diese sahen sich nochmals ausgiebig in der Höhle des Märchenerzählers um. Gnirf ließ sich daher auf den Boden plumpsen und bließ etwas Staub durch die Gegend.
„Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?“, wandte Minda sich wieder an den Erzähler. Dieser schüttelte den Kopf und richtete seinen Blick in weite Ferne.
Gnirf saß wie gebannt da und betrachtete den Boden vor sich. Im Staub lag ein glitzernder Kristall, der von innen heraus leuchtete. Solche gab es nur an einem Ort und keiner wagte es sie von dort zu entfernen. Einzig an hohen Festtagen wurden manche von diesen Kristallen geholt um die große Halle zu erleuchten. Doch es gab ein paar wenige Bewohner von Silbertal, die einen solchen Kristall um den Hals trugen. Meistens waren es Händler oder Musiker, die oft auf Reisen gingen und so immer ein Licht ihrer Heimat mit sich trugen. Auch Finky Rotfuchs hatte solch einen bekommen, ehe er auf Wanderschaft ging.
„Ja, es passt alles zusammen“, Fa nickte Minda zu.
„Gnirf bring uns bitte zur Kristallhöhle“, Minda flog dicht über den Kopf des Goblins und riss ihn aus seinen Gedanken. Gnirf sprang auf und führte sie durch die unterirdischen Gänge bis zur Kristallhöhle.
„Dort flackert ein Licht“, Fa deutete zitternd auf eine kleine Höhle die seit Jahren verlassen war. Vorsichtig näherten sich die drei dem Eingang.
Aus der Nähe hörten sie Jemanden vor sich hin murmeln. Minda lächelte. Nur zu gut kannte sie die Stimme von Finky Rotfuchs. Früher hatte er sie oft gehänselt, weil sie eine besonders kleine Fee war, doch sie hätte ihn niemals für einen Dieb gehalten.
Mit klopfenden Herzen betraten die drei die Höhle. Im Schein eines Feuers saß der Fuchs, das Märchenbuch vor sich auf dem Boden. Neben ihm lagen eine Feder, Tusche und etwas Sand.
„Was…“, begann Minda.
Finky zuckte zusammen und blickte, am ganzen Körper zitternd, auf. „Es… es sollte eine Überraschung werden.“
„Warum klaust du das Märchenbuch?“, wollte Fa wissen.
„Auf meinen Reisen habe ich so viele Geschichten gehört und ich wollte sie euch alle zu Mitwinter schenken“, der Fuchs ließ den Kopf hängen. „Als Entschuldigung, da ich immer so gemein zu euch allen war.“
„Du wolltest das Buch nicht stehlen?“, verwundert blickte Minda den Fuchs an. Wollte er wirklich mal etwas Gutes tun?
„Nein.“ Ohne weitere Worte reichte Finky Minda das Märchenbuch und blickte die drei entschuldigend an.
„Du hast uns allen einen ganz schönen Schreck eingejagt“, Fa warf Finky einen missbilligenden Blick zu.
„Es tut mir leid. Aber anders hätte ich niemals diese Märchen erzählen dürfen.“
Die drei nickten. Sie wussten nur zu genau, was Finky meinte. Niemand durfte auch nur in die Nähe des Märchenbuches kommen, geschweige denn es anfassen.
„Also dann. Komm mit. Lasst uns zusammen Mittwinter feiern“, Minda lächelte Finky aufmunternd an und reichte ihm ihre Hand. Gemeinsam schritten die vier im Licht des Kristalls, der mit den Wänden um die Wette funkelte, zur Festhöhle. Doch als Gnirf den Kristall wieder an Finky übergeben wollte, bestand dieser darauf, dass Minda ihn bekam. Er wusste nun, dass Freundschaften wertvoller waren als wenige Minuten der Schadenfreude.

© by Eluin Weihnachten 2007

1 Mai 2008 at 5:58 Uhr nachmittags
Hi Eluin,
ein schönes Märchen, das prima in deine Märchenschmiede passt, da es um ein Märchenbuch geht.
Und um Freundschaft.
Wunderbar, diese Aussage, wenn die Märchen verstummen, dann sind sie in der Höhle eingeschlossen. In Dunkelheit. Märchen sind wichtig. Gefällt mir sehr gut.
Am Anfang habe ich mich wohl etwas schwer getan, zu verstehen, wer nun was ist. Der Hinweis, das Minda eine Fee ist, kam für mich etwas spät. Ich rätselte, ob sie vielleicht auch ein Vogel sei, wie der Feuervogel, weil sie flatterte. Vielleicht könntest du einfach am Anfang schreiben: “Die kleine Fee Minda saß…” Oder so ähnlich. Mir hätte es geholfen.
Dazugelernt habe ich auch. Den Begriff Goblin kannte ich noch gar nicht. *staun* Musste ich erst mal googeln.
Aber das macht ja nix. Nun weiß ich wieder etwas mehr.
Ich freue mich schon auf mehr Märchen hier im Weblog. Denn seit ich in einem Schreibkurs von der VHS war, habe ich erst mal die Bedeutung von Märchen näher kennen gelernt. Was die Symbolik betrifft usw. Das war wirklich sehr spannend. Und wir haben dort auch zwei Märchen geschrieben.
Also weiter so.
Liebe Grüße,
Martina
1 Mai 2008 at 6:59 Uhr nachmittags
Huhu Martina,
wow, wie du das alles beschreibst klingt das gar nicht nach meinem Märchen *rotwerd* Hihi, danke!
Und ja, ich glaube das sie eine Fee ist, sollte ich wirklichdirekt bei der Vorstellung erwähnen. *mal änder*
Aber verrat mir doch mal, was du da über Märchen gelernt hast^^ Ich erahne bislang nur ganz leicht den Unterschied zwischen Fantasy und Märchen. Es können ja in beiden ähnliche Charaktere (sprich Feen, Elfen, Kobolde, Hexen usw) vorkommen. Aber ich denke im Märchen ist der Symbolcharakter sträker.
Ich freu mich, dass dir mein Märchen gefällt. *genauso strahl wie die Sonne grade (und die geht hier grade wunderschön leuchtend unter)*
Einen wunderschönen Restfeiertag!
Eluin
2 Mai 2008 at 10:10 Uhr vormittags
Huhu Eluin,
ein richtiges Krimi-Fantasy-Märchen hast du da gezaubert. Gefällt mir sehr gut.
Nur, ich denke, der Fuchs gehört etwas mehr ausgeschimpft oder so.
Am Anfang ist die Geschichte schön ausführlich, doch gegen Ende nimmt sie mir persönlich ein zu rasches Tempo an. Kommt mir vor, als sollte sie schnell fertig werden. *g*
Und Finky der Fuchs hört sich nicht so schön an, wie die anderen Namen. Ist aber nur meine Meinung.
Gnirf gefällt mir persönlich am besten. Erinnert mich an die Serie “In einem Land vor unserer Zeit”. Da ist ein Flugdino, der spricht auch so. Finde ich immer wieder schön!
Ich liebe deine Geschichten! Schade, dass ich das nicht kann. Denn ich lese so was soooooo gerne.
LG, Susanne
2 Mai 2008 at 11:25 Uhr vormittags
Hi Eluin,
ich suche meine Unterlagen zu Märchen bei Gelegenheit mal heraus. Dann schreibe ich dir was dazu.
Brauche ich ein bisschen Zeit zu.
Liebe Grüße,
Martina
2 Mai 2008 at 1:21 Uhr nachmittags
Huhu Susanne,
vielen Dank
Wow! Ich kann doch gar nicht zaubern *rotwerd*
Und ja äh das Ende… ich hatte erst vor die Story für die Krimiaufgabe bei der SDS zu nehmen, aber irgendwie war das dann doch zu wenig Krimi. Aber hihi^^ Du hast es als Krimi erkannt *freu* - und daher hab ich halt versucht da auf 150 Zeilen zu schreiben. Aber hmm… mehr ausgeschimpft? Ja irgendwie vielleicht. Aber ich denke es sind einfach alle richtig froh, dass das Buch rechtzeitig wieder da ist. Und sicher kriegt er nach dem Fest noch eine Standpauke *hihi*
Und jaaaaaaaa Gnirf mag ich auch so gerne *pfeif* Den hab ich von Schatzis Rollenspielcharakter etwas abgeschaut - dubdidub - den schreibt der immer so niedlich
Und dass du so etwas nicht schreiben kannst, glaub ich nicht
Versuchs doch einfach mal
Bin gespannt, was du da so sauberst!
Und an Martina
Danke dir! Und lass dir Zeit. Freu mich richtig, dass du dir die Arbeit machen willst.
Ich wünsche euch einen tollen Start ins Wochenende!
Eluin
2 Mai 2008 at 1:48 Uhr nachmittags
Kannst sicher sein, dass ich keine Fantasy schreiben kann. Auch wenn ich das sehr gerne lese oder in Filmen sehe - mir fehlt die nötige Fantasie für die Wesen und was sie so machen.
Ich bleibe lieber bei meinen Thrillern - das kann ich wenigstens. *g*
Doch, obwohl - für eine KG werde ich es vielleicht sogar mal versuchen. Wer weiß, wer weiß!
Auch dir ein schönes Wochenende!
LG, Susanne
2 Mai 2008 at 2:24 Uhr nachmittags
Huhu Susanne,
och die Phanatsie fehlt dir dazu nur, wenn du es dir einredest
Ich wette auch du kannst die wundervollsten Wesen erfinden!
Ich bin auf jedenfall schon wahnsinnig gespannt, was du da zauberst und hoffe bald von dir auch eine Fantasykurzgeschichte erblicken zu können
Ein Versuch wäre sicher toll
Und ich habe nun noch etwas für euch
(siehe neuer Beitrag)
Viel Spaß und ein paar wundervolle Sternenstrahlen für euch!
Eluin