Eine nicht ganz so fröhliche Bescherung
Für Maren und Sasha
Mögen sich niemals listige Stimmen zwischen eure Liebe stellen
Hoch oben im Norden geschehen einige Dinge, von denen die Menschen in anderen Teilen der Welt nicht einmal etwas ahnen. Jeder weiß, am Nordpol lebt der Weihnachtsmann mit seinen Rentieren, Feen, Elfen und Kobolden. Doch kaum einer ahnt, dass diese scheinbar so rosige Welt, aus den Fugen geraten ist.
Am besten fange ich aber ganz von vorne an zu erzählen. Dazu möchte ich mich zunächst vorstellen. Ich heiße Minka und bin die Katze vom Weihnachtsmann.
Wie jeden Abend strolchte ich durch den Schnee und suchte zwischen den Tannen nach ein paar Mäusen. Da erblickte ich aber nicht meine Lieblingsmahlzeit, sondern einige Eimer Farbe. „Nanu“, dachte ich und wunderte mich, was die hier zu suchen hatten. Normalerweise sah man solche nur in den Werkstätten und diese hier vor allem in der Schlittenwerkstatt. Jedes Jahr wird der Schlitten schließlich neu gestrichen, damit er schön glänzt. „Vielleicht braucht die Schlittenfarbe ja eine Tannen-Schnee-Kälte-Behandlung bevor sie benutzt werden kann“, murmelte ich vor mich hin und tapste weiter um ein Abendbrot für mich zu erhaschen.
Immer tiefer lief ich in den Wald hinein. Der Schnee knirschte unter meinen Pfoten und der Mond erhellte den Weg. Der Wind rauschte durch die Tannen und trug viele Schneeflocken mit sich. Doch was war das? Ich spitzte die Ohren und lauschte in den Wind. Da lag noch etwas anderes in der Luft. Der Klang einer Harfe. Traurig hingen die Töne, wie Eiszapfen an meinen Ohren und erweichten mein Herz.
“Ich kann doch auch genauso gut dem Harfenspiel folgen und unterwegs nach einer Maus Ausschau halten.“
Mit weiten Sprüngen folgte ich der Melodie.
Bald stand ich vor einem besonders hohen Baum. Ich blickte an diesem empor und sah eine junge Frau. Trotz ihrer dünnen Kleider schien sie nicht zu frieren. Die Melodie hielt sämtlichen Wind fern. Keine Nadel am Baum regte sich. Neugierig sprang ich auf einen benachbarten Ast. Die Töne verstummten und das, was ich für eine Harfe hielt, faltete sich zurück und wurde wieder ein Teil des Baumes. Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte: „Wer bist du? Und warum spielst du solch eine traurige Melodie?“
„Ach weißt du“, begann sie mit sanfter Stimme. Ihr Blick fixierte zunächst mich und wanderte dann in weite Ferne. „Jemand hat mir meine Fröhlichkeit genommen. Dabei ist doch morgen Weihnachten und der Weihnachtsmann braucht mein Lachen, damit der Schlitten fliegt.“
Ich verstand nicht, wovon sie sprach. Genauso musste ich auch ausgesehen haben, denn dann erzählte sie mir etwas, mit dem ich niemals gerechnet hätte.
„Ich bin die Schwester vom Weihnachtsmann. Manche nennen mich auch die Schneekönigin. Ich bringe Schnee und Eis. Am liebsten male ich aber Eisblumen an die Fenster der Menschen. Doch immer wenn es Zeit wird zu fliegen, kommt Rudolph zu mir. Mein Lachen verwandelt sich dann in feinsten Staub, der meinen Bruder mit seinen Rentieren durch die Lüfte trägt.“
Gebannt lauschte ich ihren Worten. Und dann wurde mir etwas schlagartig bewusst. Der Schlitten würde ohne seine Farbe nicht funkeln, aber noch viel schlimmer war, dass er gar nicht erst starten würde.
„Gibt es etwas, wodurch du wieder fröhlich werden kannst?“
Die Schneekönigin blickte mich an. Tränen glitzerten in ihren Augen. Leise sprach sie: „Einzig die eisige Umarmung des Nebelprinzen kann wieder Leben in meine Glieder hauchen. Doch er verließ mich vor einiger Zeit.“
„Na toll! Eine liebeskranke Königin, ein Schlitten der nicht mehr fliegen konnte und eine Katze ohne Abendessen“, dachte ich mir und sprang vom Baum. Mit den Worten „Ich werde sehen, was ich tun kann“ verschwand ich im Unterholz.
Auch wenn ich es eigentlich nicht wirklich wollte, hatte ich eine Idee, wie ich den Nebelprinzen finden konnte. Schnell lief ich durch den Wald und stand kurz darauf vor einem See. Eisschollen glitzerten am Ufer, doch in der Mitte glänzte eine dunkle Wasseroberfläche. Ich musste lächeln. Mein Gefühl hatte mal wieder Recht behalten.
Dichte Nebelschwaden zogen ihre Bahnen über dem See und umgarnten ein paar Pflanzen, die von Eiskristallen bedeckt waren.
Hatte der Nebelprinz etwa doch noch etwas für seine frühere Geliebte übrig?
Vorsichtig tapste ich am Ufer entlang. „Nebelprinz?“, flüsterte ich ehrfürchtig, um ihn nicht zu erschrecken.
„Wer wagt es mich zu stören?“, donnerte es über den See. Aus dem Nebel schritt ein Mann. Dunstschleier umgarnten ihn und legten sich um seine Erscheinung.
„Verzeiht. Ich wollte euch nicht stören.“ Ich duckte mich und presste meinen Kopf auf den Boden.
„Wer bist du?“
„Ich bin Minka. – Die Katze vom Weihnachtsmann.“
„Warum störst du mich?“ Der Nebelprinz kam immer näher auf mich zu.
„Nun ja. – Ich habe euch gesucht. Die Schneekönigin meinte, einzig eine Umarmung von euch kann sie wieder fröhlich stimmen.“
„Das hat sie gesagt?“, sprach der Prinz etwas sanfter. Doch dann verdunkelte sich sein Blick wieder und seine Stimme dröhnte über den See. „Dafür ist es nun zu spät. Das hätte sie sich überlegen sollen, bevor sie mich verließ.“
Der Prinz wollte sich bereits umdrehen und wieder im Nebel verschwinden, daher nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und schleuderte ihm meine Gedanken entgegen. „Weißt du, es interessiert mich nicht, wer hier wen verlassen hat. Sie sagte mir du hast sie verlassen und du behauptest nun das Gegenteil. Aber mir ist es nicht gleichgültig, dass ich immer noch kein Abendessen hatte und mir gefällt es auch nicht, dass wegen euerer Sturheit Weihnachten auf der ganzen Welt ins Wasser fallen soll.“ Grimmig nickte ich und machte mich darauf gefasst vom Nebelprinzen für meine Worte bestraft zu werden.
Doch dieser ballte nur die Fäuste und drehte sich nach einem Augenblick des Zögerns wieder zu mir. Langsam kam er auf mich zu. Tränen liefen ihm über die Wangen.
„Ich habe sie verlassen?“, schluchzte er. „Sie schickte mir doch ihren Rentierboten, der mir das Ende unserer Liebe verkündete.“
Ich hob den Kopf und blickte ihn erstaunt an. „Was? Dann habt ihr sie gar nicht verlassen?“
Er schüttelte den Kopf. Ebenso schien auch er zu verstehen. „Ich glaube ich sollte zu ihr gehen damit bald wieder unser beider Lachen ertönt.“
Ich nickte und verabschiedete mich von ihm. Irgendjemand wollte wohl verhindern, dass Weihnachten die Herzen der Menschen erfüllte.
Schnell lief ich zurück zu den Werkstätten. Mein Magen knurrte mittlerweile unablässig, aber ich durfte nicht an Essen denken, wenn die ganze Bescherung in Gefahr war.
Immer schneller und schneller lief ich und kam vor dem Rentierstall zum stehen. Nur wenige von ihnen liefen freiwillig in den Wald hinaus. Doch nur von einem wusste ich, dass es jeden Abend einen Spaziergang machte.
Ich schlich zu Symbras Schlafplatz. Bevor ich ihn aber weckte, bat ich zwei Rentiere die Ohren zu spitzen und sich jedes Wort einzuprägen.
Als ich dann vor Symbra stand, räusperte ich mich. Er blinzelte und ich fragte: „Warum?“
„Warum was?“
„Warum hast du den Nebelprinz und die Schneekönigin auseinander gebracht und warum willst du Weihnachten sabotieren?“
„Was erzählst du da? Ich hab keine Ahnung wovon du sprichst.“
„Ach nein? Und warum sehe ich um dein Maul rote Schlittenfarbe?“ Grimmig blickte ich ihn an. Symbra atmete ruhig weiter und starrte mich seinerseits an.
Da er schwieg ergriff ich wieder das Wort: „Und wer außer dir und Rudolph sollte wissen, dass das Lachen der Schneekönigin den Schlitten fliegen lässt? Und wer außer dir geht oft in den Wald und hatte so mit die Gelegenheit zu erfahren, was die Schneekönigin traurig und glücklich macht?“
Symbra ließ den Kopf sinken. Doch ich fuhr unbeirrt fort: „Ich wette der Nebelprinz würde dich wieder erkennen. Also gib es zu!“
Symbra seufzte. „Du hast Recht. Ich wollte, dass der Schlitten dieses Jahr nicht startet.“
„Aber warum?“
„Du weißt doch, dass Rudolph mein Zwillingsbruder ist.“
Ich nickte.
„Ich habe es einfach satt, dass ihm immer der ganze Ruhm gebührt und ich Jahr für Jahr in seinem Schatten fliege, obwohl wir alle genauso viel leisten wie er.“
„Aber warum muss dafür Weihnachten ins Wasser fallen?“
„Weil der Weihnachtsmann dann vielleicht mal aufwacht und uns anderen auch mal eine Chance gibt zu zeigen was in uns steckt.“
„Ich glaube das können wir anders lösen.“ Ich zwinkerte ihm zu und verließ den Stall.
Als ich dem Weihnachtsmann alles erzählt hatte, bekam ich nicht nur ein leckeres Stück Fisch, sondern auch ein dickes Lob.
Seit diesem Tag hat sich einiges geändert. Nun ist nicht nur Rudolph der Schlittenführer, sondern jedes Jahr ein anderes Rentier. Die Nebelkönigin fand ihr Lachen wieder und der Schlitten erhob sich mit Symbra an der Spitze in die Lüfte. Und wir alle hatten gelernt, das Vertrauen und miteinander Reden, doch das größte Geschenk von allen ist.
Frohe Weihnachten!