Jeden Morgen dasselbe. Warten auf den Zug, hoffen, dass Bus und Bahn pünktlich sind. Und doch vergesse ich dabei allzu gern, dass Bahnfahrten wahre Abenteuer sein können…
Gleis 7 wird verlegt
Ich war mal wieder unterwegs zur Uni. Es muss Frühjahr oder Sommer gewesen sein. Ich kann mich nicht mehr an den Tag erinnern, aber ziemlich genau, was ich dort erlebt habe.
Ich hatte noch Zeit, ehe der Zug einfahren würde. Ich lehnte mich wie jeden Morgen an das Treppengeländer an Gleis 7 in Richtung Düsseldorf und betrachtete die umstehenden Personen. Rechts von mir stand eine Gruppe Teeniemädels, die sich lautstark unterhielten. Wenn ich mich nicht irre, gehörten sie zu einer Schulklasse, die ebenfalls auf dem Weg nach Düsseldorf war. Wie jeden Morgen zu Zeiten des Pendlerverkehrs war es ziemlich voll, doch Einzelheiten der anderen am Bahnsteig sind mir nicht im Gedächtnis geblieben. Auch weiß ich nicht mehr, worüber die Mädels geredet hatten. Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich darüber nachdachte, im Zug weiter am Brief für Janett zu schreiben. Aber noch fehlte mir der richtige Funke. Etwas, was ich außerhalb vom normalen Unialltag berichten konnte.
Dann fuhr der Zug ein. Und mit ihm fand ich den nächsten Abschnitt für meinen Brief…
Der Zug kam quietschend zum Stehen. Mehrere Versuche waren wieder nötig, damit sich die schweren, alten Türen öffneten und die Fahrgäste auf das Gleis strömen konnten. Die am Bahnsteig Wartenden scharrten sich in der Zwischenzeit in Trauben um die Türen und hofften einen Sitzplatz ergattern zu können.
„Der hätte aber näher heran fahren können“, drang es an mein Ohr. Ich blickte die Mädels neben mir überrascht an. Neugierig verfolgte ich die Reaktionen der anderen. Sie nickten und bestätigten die Aussage. Der Spalt zwischen Gleis und Treppe zum Zug sei wirklich viel zu groß. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut loszulachen. Wir müssen also etwas Neues erfinden. Schienen sind nicht mehr machbar, da Schickimicki-Mädels in Stöckelschuhen den Abstand nicht überwinden können. Sie sind wohl zu sehr Niederflurbusse gewöhnt, deren Rampen bis zu ihren Zehenspitzen abgesenkt werden. Also verlegen wir doch lieber das Gleis und alle Anwesenden sind glücklich.
Innerlich immer noch lachend stieg ich in den Zug und freute mich, ein neues Thema für meinen Brief zu haben.
Uni auf Umwegen
Normalerweise brauche ich eineinhalb Stunden zur Uni. Doch am ersten Tag der Fußballweltmeisterschaft 2006 sah es ganz anders aus. Ich mag so schon keinen Fußball, aber an diesem Tag habe ich dieses Spiel einfach nur verflucht. Und ja, diesmal hatte die WM eindeutig etwas mit den Verspätungen der Bahn zu tun. Sonderzüge fuhren, zahlreiche extra Regionalexpresse waren im Einsatz und so weiter. Wahrscheinlich das ganze Aufgebot an Zügen, das die Bahn in ihren Garagen und Werkstätten stehen hatte. Auch während der Hauptpendlerzeit waren natürlich all diese Loks im Einsatz, obwohl die Spiele erst am Abend beginnen würden.
Am besten beginne ich wohl von vorne zu erzählen, was mir an diesem Tag widerfuhr.
Gegen elf Uhr machte ich mich wie jeden Freitag auf den Weg zur Uni. Normalerweise kam ich mit meiner Verbindung mehr als pünktlich zur Praktikumsvorbesprechung an. Bis zum Oberhausener Hauptbahnhof lief auch alles so, wie es sollte. Nein, eigentlich bis zum Duisburger Hauptbahnhof.
Doch dort kam die erste Durchsage: „Sehr geehrte Fahrgäste, leider verzögert sich unsere Weiterfahrt, da die Gleise vor uns besetzt sind. Es führen zwei Gleise nach Düsseldorf und eines davon ist gesperrt. Wir bitten die Verspätung zu entschuldigen.“
Nun gut. Ein paar Minuten sind kein Weltuntergang. Damit kann ich leben, selbst wenn ich dadurch die Vorbesprechung verpassen sollte. Also vertiefte ich mich wieder in mein Buch und wartete, dass es weiterging.
Irgendwann war es dann auch so weit. Die Türen wurden geschlossen und der Zug zog an. Weiter ging es Richtung Düsseldorf. Doch weitaus langsamer als gewohnt. Aus zwanzig Minuten wurden vierzig und mehr.
Kurz vorm Düsseldorfer Flughafen kam eine weitere Durchsage: „Sehr geehrte Fahrgäste, die Einfahrt in den Düsseldorfer Flughafen verzögert sich leider. In einem der Gleise ist eine Lok liegen geblieben und deshalb müssen die Züge nun im Blockabstand in das zweite Gleis einfahren. Wir bitten dies zu entschuldigen.“
Die Vorbesprechung konnte ich somit vergessen. Hauptsache, ich kam noch zum Praktikum pünktlich. Vom Flughafen aus waren es ja keine fünf Minuten mehr zum Hauptbahnhof.
Langsam, alle nacheinander fuhren wir dann in den Bahnhof vom Flughafen ein. Doch auch hier sollte eine böse Überraschung folgen.
„Sehr geehrte Fahrgäste, unsere Lok kann leider nur noch mit fünf Stundenkilometern fahren. Wir bitten sie am Düsseldorfer Flughafen auszusteigen, damit die Lok abgestellt werden kann. Bitte entschuldigen sie die Unannehmlichkeiten.“
Wie bitte? Und wie soll ich nun zur Uni kommen? Nun ja, erstmal aussteigen, dann weitersehen.
Auf dem Gleis traf ich dann einen Kommilitonen von mir. Gemeinsam suchten wir einen Weg den Hauptbahnhof zu erreichen.
Die Lokführer konnten uns nicht weiterhelfen, auch nicht die anderen Bahnangestellten. Mir kam dann die Idee, dass zum Terminal vom Hauptbahnhof aus S-Bahnen fahren. Also machten wir uns mit mehreren Fahrgästen auf den Weg dorthin.
Doch es fuhr keine S-Bahn. „Personenschaden“ hieß es. Mein Kommilitone warf dann auch noch sein Handy unter die im Gleis stehende S-Bahn und ich dachte schon, das Desaster wäre nun perfekt. Zum Glück war der Zugführer so freundlich, die S-Bahn zu rangieren und das Handy herauszuholen. Doch weiterhelfen konnte er uns auch nicht. Er bekam keine Abfahrtsgenehmigung, und wann es weiter gehen würde stand in den Sternen.
Langsam fragte ich mich, ob die WM wirklich so eine gute Idee gewesen war, zumindest für den Berufsverkehr traf dies wohl nicht zu.
Vom Terminal aus kamen wir also auch nicht weiter. Vom Bahnhof fuhr auf unbestimmte Zeit auch kein Zug, also blieben nur noch die Busse.
Nach zehn oder zwanzig Minuten Wartezeit kam auch endlich einer und wir quetschten uns wie Ölsardinen hinein. Koffer, Flugreisende und Fahrgäste der Bahn wollten alle zum Hauptbahnhof.
Nach schier endloser Zeit kamen wir endlich an. Schnell eine Entschuldigung am Infoschalter geholt, ab in die Straßenbahn und dann waren wir endlich da. Nach vier Stunden Bahnfahrt und mit den Nerven am Ende standen wir endlich im Praktikum und ich verfluchte die WM ein weiteres Mal. Das Resümee dieses Tages lautete: 1 ICE der im Flughafen stehen blieb (davon erfuhren wir später), 2 Regionalbahnen, die die Gleise im Flughafen versperrten, 1 Personenschaden, der die S-Bahnen am Terminal nicht fahren ließ und zu guter Letzt die Fahrt in einem Bus, der einer Ölsardinendose glich.
Und nehm euch alle mit!