23 Juni 2008 um 10:05 (Märchen)
Der Ruf der Hoffnung
Jeden Tag folgte Silbra dem Pfad zwischen den Felsen. Gestrüpp wucherte zwischen den Steinen und zerrte an ihrer Kleidung. Doch davon ließ sie sich nicht beirren. Keiner konnte verstehen, weshalb sie nicht der befestigten Straße folgte. Einzig Silbra war sich sicher, dass sie das richtige tat.
Auch an diesem Tag kämpfte sie sich durch die Pflanzen. Immer wieder musste sie innehalten um nicht auf den Steinen auszurutschen. Sie musste zahlreiche Anhöhen erklimmen, wobei ihr Sand in die Augen flog und Dornen ihre Hände stachen.
Niemals blickte sie zurück. Sie lief einfach weiter und vertraute auf ihre Füße. Immer mehr kam sie außer Atem, doch sie durfte jetzt nicht stehen bleiben. Sonst war es zu spät und ihre Hoffnung verlosch.
Der Weg, den die Kutschen nahmen, wäre einfacher gewesen, um die Klosterschule zu erreichen. Doch dieser Pfad gehörte nur ihr. Niemand folgte ihm und keiner wusste um sein Geheimnis.
Silbra schloss die Augen. Bald war es so weit. Nur noch wenige Schritte trennten sie von ihrer Hoffnung.
Sie musste noch einen Hügel erklimmen und die Fliederbüsche beiseite schieben. Ehrfürchtig ging sie weiter. Der süße Duft des Flieders drang ihr in die Nase und sie atmete erleichtert auf. Ihr Traum lag vor ihr. Sie hatte es rechtzeitig geschafft.
All die Mühen wurden entschädigt und sie konnte auch heute den Sonnenaufgang auf dem Meer beobachten. Wie fast jeden Tag fuhr ein Segelschiff der Sonne entgegen. Seine Segel blähten sich im Wind und fingen das erste Licht des Tages ein.
Silbra lächelte. Eines Tages bräuchte sie diesen Weg nicht mehr zu nehmen, sondern sie würde an Deck eines Schiffes in den Sonnenaufgang fahren und endlich diesen beschwerlichen Weg und ihr einsames Leben hinter sich lassen. Doch bis dahin blieb ihr dieser Ort, um neue Hoffnung und Kraft zu schöpfen. Auch heute würde sie den Tag voller Zuversicht überstehen.
(23. Juni 2008 ~23h)
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14 Juni 2008 um 8:01 (Märchen)
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31 Mai 2008 um 10:00 (Märchen)
Flamme der Hoffnung
Für Marvin
Damit du niemals vergisst, dass du nicht alleine bist und deine Flamme der Hoffnung immer brennt.
Es waren einmal zwei Schmetterlinge. Der eine hieß Hoffnung und der andere Liebe. Tagein, tagaus flogen sie von einer Blüte zur nächsten um den süßen Nektar zu kosten. Sie tanzten durch die Lüfte und wirbelten in wilden Spiralen umher. Das Glück lachte ihnen und die Sonne wärmte sie.
Doch eines Tages zogen dunkle Wolken über der Wiese auf und es begann zu regnen.
Die Schmetterlinge stritten sich in welche Richtung sie fliegen sollten, um den Regentropfen zu entgehen. Da sie sich nicht einig wurden, flog jeder von ihnen in eine andere Richtung davon.
Als der Sturm vorüber war, suchte die Hoffnung die Liebe. Sie bereute den Streit und wollte ihn am liebsten ungeschehen machen. Doch die Liebe konnte sie nicht wieder finden.
Auch als sie drei Tage und Nächte lang alles nach ihr absuchte, blieb die Hoffnung allein.
Selbst die Sonnenstrahlen vermochten ihre Flügel nicht mehr zum Glänzen zu bringen. Der Nektar schmeckte nicht mehr und Fliegen bereitete der Hoffnung nur wenig Freude.
So kam es, dass sie schließlich auf dem Boden entlang kroch. Immer dem Horizont entgegen.
Die Hoffnung schwor sich, so lange weiter zu gehen, wie noch ein Funken Leben in ihr glühte. Es machte ihr nichts aus, dass sie immer langsamer und träger wurde. Selbst als ihre Kräfte fast vollkommen erloschen waren, dachte sie nicht daran inne zu halten, etwas Nektar zu schlürfen und sich auszuruhen. Sie wusste zwar, dass sie mit vollen Kräften eher ihr Ziel ereichen würde – doch wozu? Viele Tage hatte sie nun nach der Liebe gesucht. Viele Tage hatte sie ihren Streit bereut. Doch noch viel mehr Tage der Einsamkeit würden ihr bevor stehen, wenn sie die Liebe nicht wieder fand.
In dem Moment, als die Hoffnung endgültig aufgeben wollte, tauchte eine Fee neben ihr auf. Sie flatterte vor dem Schmetterling auf und ab. Eingehend betrachtete sie die Hoffnung und legte ihren Kopf schief.
„Warum kriechst du hier am Boden entlang? Fliegen ist doch so viel einfacher“, meinte die Fee nach einer Weile verwundert.
„Ach weißt du, nicht mehr lange, dann wird mein Lebenslicht erlöschen.“
„Wieso denn das? Du bist doch noch jung! Du hast doch noch so viel vor dir!“ Die Fee legte ihre Stirn in Falten.
„Ich habe die Liebe verloren und wie kann ich ohne sie sein?“
„Du wirst eine neue Liebe finden.“
„Aber ohne mich ist die Liebe hoffnungslos. Und wir waren doch so glücklich mit einander.“ Die Hoffnung seufzte traurig und ließ ihren Kopf auf den Boden sinken.
„Erinnerst du dich an die Flamme der Hoffnung?“
„Nein“, brachte der Schmetterling hervor.
„Dort werden alle Hoffnungsträger geboren. Und ich bin mir sicher, dass auch deine Liebe bald wieder mit einem vereint sein wird.“
Die Hoffnung seufzte. Tränen kullerten ihr über die Wangen.
Die Fee sprach mit ruhiger Stimme weiter: „Und auch du wirst eine neue Liebe finden. Aber nur dann, wenn du die Flamme in dir nicht erlöschen lässt und dich aufraffst wieder zu fliegen. Lass die Sonne deine Flügel wieder zum Strahlen bringen.“
„Aber meine Liebe…“
„Behalte sie in guter Erinnerung und freue dich, wenn du sie eines Tages wieder triffst.“ Die Fee lächelte. „Oder möchtest du wirklich, dass sie vor Trauer vergeht, weil deine Flamme erlischt und sie dich deshalb niemals wieder lachen sehen kann?“
„Ich möchte, dass sie glücklich wird und lachen kann. Aber ich möchte auch, dass sie weiß, dass es mir leid tut.“ Der Schmetterling schlug einmal vorsichtig mit den Flügeln. Verwundert stellte er fest, dass es gar nicht so sehr weh tat wie er angenommen hatte.
„Ich glaube deine Liebe weiß, dass es dir Leid tut. Ihr tut es sicherlich genauso Leid wie dir. Doch es müssen sich manchmal die Wege zweier Seelen trennen, um neue Pfade zu öffnen.“ Die Fee reichte dem Schmetterling ihre Hand. „Wenn du möchtest, begleite ich dich bis du eine neue Liebe gefunden hast.“
Die Hoffnung nickte. Bevor sie allerdings dazu gewillt war sich in die Lüfte zu erheben, brannte ihr eine Frage auf dem Herzen: „Wer bist du? Und warum hilfst du mir?“
Die Augen der Fee begannen zu leuchten. „Ich bin das Schicksal und ich möchte, dass jeder seinen Weg findet. Ich helfe verlorenen Seelen ihren Pfad wieder zu finden und tröste sie, damit die Flamme der Hoffnung nicht in ihnen verlöscht. Denn nur wenn die Hoffnung weiter lebt, kann die Blüte der Liebe wieder wachsen.“
Der Schmetterling nickte zufrieden und ließ sich vom Schicksal in ein neues Leben voller Hoffnung und Liebe führen.
(Weihnachten 2007)
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