Der Weg (B10)

Wie versprochen, hier nun ein Text für euch :) Vielen Dank, dass ihr mich weiterhin so wundervoll begleitet und ermuntert!

Bis bald

Eluin

Der Weg
Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass mich hier jemand findet. Doch da stand sie, kniff die Augen zusammen und beschattete sie mit der linken Hand. Ihre rötlichen Locken wirbelten im Wind durcheinander. Immer wieder strich sie einzelne Strähnen hinter die Ohren und verzog das Gesicht, wenn sie erneut von einer gekitzelt wurde. Als sie mich betrachtete, lächelte sie.
„Du weißt doch ganz genau, dass du dich vor mir nicht verstecken kannst.“
Innerlich seufzte ich. Ich wusste es. Und dennoch hatte mich die Hoffnung fortgetrieben. Fort ans Meer.
Der Ozean glitzerte im Sonnenlicht und versprach eine Freiheit, die ich nie erreichen würde.
„Also, was suchst du hier draußen?“
Ich zuckte mit den Schultern und schwieg. Ich musste einen anderen Weg finden ihr zu entkommen.
„Dann komm. Gehen wir zu den anderen zurück.“ Ihre Augen leuchteten auf, als sie mir eine Hand entgegenstreckte.
Selbst ihr Lächeln wirkte nun nicht mehr einschüchternd, sondern warm und vertrauenswürdig. In ihrem blassblauen Leinenkleid, das zu groß wirkte und sich im Wind um ihren Körper bauschte, sah sie beinahe verletzlich aus. Wie so oft war ich bereits auf diesen Anblick hereingefallen.
Ich ergriff ihre Hand und bemühte mich zu lächeln.
„Und nun versprich mir bitte, dass du nie wieder so weit wegläufst.“ Sie drückte meine Hand und blickte mich an.
Ich hatte das Gefühl, ihr Blick konnte mir meine Geheimnisse entlocken, und so senkte ich den Kopf.
„Weißt du, ich mache mir Sorgen um dich und ich möchte doch nicht, dass dir etwas passiert.“
Ich nickte nur und folgte ihr. Verschwommen nahm ich wahr, wie die Wellen leiser wurden. Der Untergrund veränderte sich und aus dem Sandstrand wurde ein Kiesweg, der von Gräsern und Wegerichgewächsen gesäumt wurde. Bald traten wir in eine Welt aus Schatten und stickiger Luft ein. Staubkörnchen tanzten in den vereinzelten Strahlen des Lichts. Es roch nach Moos und feuchter Erde.
Nicht mehr weit und wir hatten ihr Ziel erreicht. Wie konnte ich das nur zulassen? Ich wollte nicht länger dort bleiben. Ich wollte frei sein und spüren, dass ich lebte. Jeden Tag wurde es schlimmer. Alles wich immer weiter vor meinen Sinnen zurück, erschien mir wie in einem Traum. Auch sie erschien mir unnahbar. Irgendwie verschwommen und doch so real.
Ich konnte nicht weiter gehen. Ohne dass ich es befohlen hatte, blieben meine Füße stehen.
„Was ist mit dir?“ Sie hielt inne und betrachtete mich.
Wieder schwieg ich.
„Wie soll ich dir denn helfen, wenn du nicht mit mir redest?“, voller Traurigkeit blickten ihre Augen in die meinen. Sie legte ihre Hand auf meine Wange und streichelte meine Bartstoppeln.
Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte ihr nichts zu sagen.
Sanft zog sie an meiner Hand. Widerwillig folgte ich ihr. Ich wusste, wenn ich das Haus auf der Waldlichtung betrat, war ich ihr Gefangener.
Schritt für Schritt näherten wir uns der Lichtung. Es wurde dunkler und das Knacken im Dickicht lauter. Ich hasste die Dunkelheit. Ständig zeigte sie mir, dass ich schwach war. Ich konnte mich in ihr nicht orientieren und schnell meinen Weg verlieren. Auch lauerten unbekannte Gefahren in ihr, die ich zwar hören, aber niemals sehen konnte.
Ich musste zurück ins Licht. Die Farben warteten auf mich. Aber wenn ich mich nicht beeilte, würden auch diese verschwinden. So wie meine Freunde und meine Familie.
Sie war die einzige, die mich nicht verlassen hatte und mir immer wieder versprach „zu den anderen“ zu gehen. Doch nie kamen wir dort an. Immer führte sie mich in die Dunkelheit hinein bis zu dem Haus auf der Lichtung und stellte mich vor die Wahl.
Auch heute folgte ich ihr weiter. Später würde ich wieder gehen, mir einen Platz in der Sonne suchen und hoffen, dass sie mich nicht wieder findet. Doch sie fand mich jedes Mal. Ein ewiger Kreislauf. Ich wusste nicht, wie oft ich ihr nun schon zur Lichtung gefolgt war, um dann wieder fortzugehen. Jedes Mal hoffte ich, dass es das letzte Mal sei. Stetig nagten die Zweifel an mir. Folgte ich ihr auch dieses Mal nur, um wieder den Kreis zu schließen?
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog und ein leichtes Kribbeln über meine Haut lief. Ich war gleichzeitig nervös, aber auch freudig gespannt. Würde alles so sein wie immer?
Entschlossen lief ich weiter und folgte ihr.

Als wir die Lichtung erreichten, begann es zu regnen. Es war das erste Mal, dass sich an diesem Ort das Wetter veränderte. Feinste Regentropfen benetzten unsere Gesichter. Ich konnte nicht sagen, ob es angenehm war, nach dem erhitzenden Marsch. Denn schon wenige Augenblicke später verwandelten sich die Tropfen in einen Wolkenbruch und durchnässten uns bis auf die Haut.
„Da wären wir. Wollen wir hineingehen?“ Sie lächelte mich an und löste ihre Finger von meiner Hand.
Ich blieb stehen. Das Haus duckte sich wie jedes Mal unter den Ästen einer Eiche. Die einst schmückenden Ornamente an den Säulen der Veranda, über der Tür und den Fenstern, waren verblichen, von Wetter und Wind ausgehöhlt. Nun wirkten sie vielmehr wie Fratzen aus einem Alptraum. Moos wuchs auf den Dachschindeln und dem vermodernden Holz von Veranda und Außenwänden.
„Ich werde uns einen Tee aufsetzen.“ Sie winkte mir und lief in Richtung Haus. Ehe ihre Füße die erste Stufe berührten, schien es, als würde sie schweben. Wie ein Geist verschwand sie in der Eingangstür, auch wenn sie diese zuvor öffnete.
Wenige Augenblicke darauf glommen Lichter im ganzen Haus auf. Heute erschienen sie nicht grell und abstoßend, sondern warm und einladend.
Sollte ich ihr folgen? Ein warmer Tee klang verlockend und überhaupt, dieses Mal schien alles anders. Der Regen, die Lichter, ihre Einladung zum Tee…
Sie hatte mich nicht mehr vor die Wahl gestellt. Wähle die Einsamkeit oder das Leben unter Freunden. Wähle Traum oder Wirklichkeit. Ohne dass ich verstand, was sie damit sagen wollte, verschwand sie jedes Mal im Haus.
Aber heute brauchte ich nicht zu wählen und mich zu fragen, für was ich mich entschieden hatte. Heute regnete es und sie lud mich zum Tee ein. Klare Worte, die ich deuten konnte. Doch vielleicht war dies alles ein Trick? Wollte sie so mit mir spielen und ihre Macht beweisen?
Der Regen hatte mich vollkommen durchnässt. Wenn ich so fortlaufen würde, wäre eine Erkältung – oder gar eine Lungenentzündung – unausweichlich. Betrat ich das Haus, konnte ich mich ausruhen, aufwärmen und in Ruhe über meine Situation nachdenken. Auch wenn ich das Haus zuvor niemals betreten hatte, wusste ich, dass ich der Einladung folgen wollte. Deshalb folgte ich dem Trampelpfad zum Eingang.
Je näher ich kam, umso mehr schien sich das Haus zu verändern. Der Pfad unter mir wurde fest und zu einem gepflasterten Weg, der von Beeten gesäumt wurde. Auch das Moos wich. Herabgefallene Schindeln fanden ihren Platz zwischen den anderen. Die Wände glänzten, als wären sie vor wenigen Tagen gestrichen worden. Die Ornamente erstrahlten in neuer Pracht und sogar ein paar Blumenkästen standen in voller Blüte auf der Veranda.
Es war faszinierend, die Veränderungen zu beobachten.
Als ich das Haus betrat, roch es nach Früchtetee und frisch gebackenem Kuchen. Neugierig folgte ich dem Duft und kam in ein gemütliches Wohnzimmer. Bücherregale und Wandteppiche zierten die Wände. Ein Kaminfeuer prasselte und ein Lehnstuhl lud zum Ausruhen ein.
Ich konnte sie nirgends entdecken, also beschloss ich im Lehnstuhl auf sie zu warten.
Gerade als ich mich setzen wollte, klirrte es hinter mir.
„Du bist zurück!“
Als ich mich umblickte, stand sie in der Tür, ein Tablett mit Kuchen und Tee vor ihren Füßen. Tränen stiegen ihr in die Augen.
Verwirrt betrachtete ich sie und ließ mich tiefer in den Sessel sinken.
Plötzlich lief ein kalter Schauer über meinen Rücken und ich stieß auf etwas Unnachgiebiges.
Ich drehte den Kopf und blickte in mein bleiches Gesicht. Ich wollte aufspringen, doch es war zu spät. Ich hatte die Kontrolle über meinen Körper verloren. Für einen Wimpernschlag war ich ganz leicht und hatte das Gefühl zu schweben. Im nächsten Moment befand ich mich in einem Strudel, der mich unausweichlich nach unten zog, so sehr ich mich auch dagegen wehrte.
Ich merkte noch, wie ich kippte, doch danach hüllte eine undurchdringbare Schwärze mich ein.

Ich weiß nicht, wie lange ich weg war, doch als ich wieder zu mir kam, spürte ich ihren Atem an meinem Gesicht. Ich öffnete die Augen und blickte in die ihren.
„Willkommen zurück“, flüsterte sie und richtete sich auf. Eine Träne tropfte auf meine Wange und holte mich in die Wirklichkeit zurück. Sie trug immer noch das blassblaue Kleid. Wenn sie sich bewegte, raschelte es. Nach wie vor schien es ihr zu groß zu sein.
Als sie meinen Blick bemerkte, sprach sie unter Tränen: „Sie hatten keinen anderen Kittel in meiner Größe.“
Ich nickte und versuchte mich zu orientieren. „Wo bin ich?“, krächzte ich. Mein Mund war trocken und meine Stimmbänder schienen aus der Übung zu sein.
„Du bist im Krankenhaus. Die Ärzte haben es schon beinahe nicht mehr für möglich gehalten, dass du aus deinem Koma wieder aufwachst. Aber ich habe niemals die Hoffnung aufgegeben.“
Müde nickte ich, auch wenn ich nicht verstand.
Die Tür des Zimmers öffnete sich. „Wie geht es Ihnen heute? Wie ich sehe, hat Ihre Frau, als Wächterin der Träume, ganze Arbeit geleistet.“ Ein Mann in weißem Kittel trat ein und begann mich zu untersuchen.
Mir war schwindelig und immer wieder hallten die Worte Ihre Frau durch meinen Kopf. Ich spürte, wie sie meine Hand drückte. Sie zitterte, versuchte aber es zu verbergen.
Ja, das war meine Susan. Schlagartig war die Erinnerung wieder da. Ich hatte in unserem Garten einen Baum gefällt. Es raschelte und ein dumpfer Schlag verdunkelte mein Bewusstsein.
„Warst du die ganze Zeit hier?“
„Ja, jeden Tag einige Stunden. Die Ärzte sagten, eine vertraute Stimme könnte dir helfen, den Weg zurückzufinden.“
Wieder nickte ich. „Dann warst du also die Frau aus meinem Traum? Und ich habe schon gedacht, eine böse Hexe würde mich gefangen nehmen. Ständig wollte ich fliehen.“ Ich musste lächeln. Nun wusste ich, vor welcher Wahl ich die ganze Zeit gestanden hatte.

Die Bahn kommt (B8)

Jeden Morgen dasselbe. Warten auf den Zug, hoffen, dass Bus und Bahn pünktlich sind. Und doch vergesse ich dabei allzu gern, dass Bahnfahrten wahre Abenteuer sein können…

Gleis 7 wird verlegt
Ich war mal wieder unterwegs zur Uni. Es muss Frühjahr oder Sommer gewesen sein. Ich kann mich nicht mehr an den Tag erinnern, aber ziemlich genau, was ich dort erlebt habe.
Ich hatte noch Zeit, ehe der Zug einfahren würde. Ich lehnte mich wie jeden Morgen an das Treppengeländer an Gleis 7 in Richtung Düsseldorf und betrachtete die umstehenden Personen. Rechts von mir stand eine Gruppe Teeniemädels, die sich lautstark unterhielten. Wenn ich mich nicht irre, gehörten sie zu einer Schulklasse, die ebenfalls auf dem Weg nach Düsseldorf war. Wie jeden Morgen zu Zeiten des Pendlerverkehrs war es ziemlich voll, doch Einzelheiten der anderen am Bahnsteig sind mir nicht im Gedächtnis geblieben. Auch weiß ich nicht mehr, worüber die Mädels geredet hatten. Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich darüber nachdachte, im Zug weiter am Brief für Janett zu schreiben. Aber noch fehlte mir der richtige Funke. Etwas, was ich außerhalb vom normalen Unialltag berichten konnte.
Dann fuhr der Zug ein. Und mit ihm fand ich den nächsten Abschnitt für meinen Brief…
Der Zug kam quietschend zum Stehen. Mehrere Versuche waren wieder nötig, damit sich die schweren, alten Türen öffneten und die Fahrgäste auf das Gleis strömen konnten. Die am Bahnsteig Wartenden scharrten sich in der Zwischenzeit in Trauben um die Türen und hofften einen Sitzplatz ergattern zu können.
„Der hätte aber näher heran fahren können“, drang es an mein Ohr. Ich blickte die Mädels neben mir überrascht an. Neugierig verfolgte ich die Reaktionen der anderen. Sie nickten und bestätigten die Aussage. Der Spalt zwischen Gleis und Treppe zum Zug sei wirklich viel zu groß. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut loszulachen. Wir müssen also etwas Neues erfinden. Schienen sind nicht mehr machbar, da Schickimicki-Mädels in Stöckelschuhen den Abstand nicht überwinden können. Sie sind wohl zu sehr Niederflurbusse gewöhnt, deren Rampen bis zu ihren Zehenspitzen abgesenkt werden. Also verlegen wir doch lieber das Gleis und alle Anwesenden sind glücklich.
Innerlich immer noch lachend stieg ich in den Zug und freute mich, ein neues Thema für meinen Brief zu haben.

Uni auf Umwegen

Normalerweise brauche ich eineinhalb Stunden zur Uni. Doch am ersten Tag der Fußballweltmeisterschaft 2006 sah es ganz anders aus. Ich mag so schon keinen Fußball, aber an diesem Tag habe ich dieses Spiel einfach nur verflucht. Und ja, diesmal hatte die WM eindeutig etwas mit den Verspätungen der Bahn zu tun. Sonderzüge fuhren, zahlreiche extra Regionalexpresse waren im Einsatz und so weiter. Wahrscheinlich das ganze Aufgebot an Zügen, das die Bahn in ihren Garagen und Werkstätten stehen hatte. Auch während der Hauptpendlerzeit waren natürlich all diese Loks im Einsatz, obwohl die Spiele erst am Abend beginnen würden.
Am besten beginne ich wohl von vorne zu erzählen, was mir an diesem Tag widerfuhr.
Gegen elf Uhr machte ich mich wie jeden Freitag auf den Weg zur Uni. Normalerweise kam ich mit meiner Verbindung mehr als pünktlich zur Praktikumsvorbesprechung an. Bis zum Oberhausener Hauptbahnhof lief auch alles so, wie es sollte. Nein, eigentlich bis zum Duisburger Hauptbahnhof.
Doch dort kam die erste Durchsage: „Sehr geehrte Fahrgäste, leider verzögert sich unsere Weiterfahrt, da die Gleise vor uns besetzt sind. Es führen zwei Gleise nach Düsseldorf und eines davon ist gesperrt. Wir bitten die Verspätung zu entschuldigen.“
Nun gut. Ein paar Minuten sind kein Weltuntergang. Damit kann ich leben, selbst wenn ich dadurch die Vorbesprechung verpassen sollte. Also vertiefte ich mich wieder in mein Buch und wartete, dass es weiterging.
Irgendwann war es dann auch so weit. Die Türen wurden geschlossen und der Zug zog an. Weiter ging es Richtung Düsseldorf. Doch weitaus langsamer als gewohnt. Aus zwanzig Minuten wurden vierzig und mehr.
Kurz vorm Düsseldorfer Flughafen kam eine weitere Durchsage: „Sehr geehrte Fahrgäste, die Einfahrt in den Düsseldorfer Flughafen verzögert sich leider. In einem der Gleise ist eine Lok liegen geblieben und deshalb müssen die Züge nun im Blockabstand in das zweite Gleis einfahren. Wir bitten dies zu entschuldigen.“
Die Vorbesprechung konnte ich somit vergessen. Hauptsache, ich kam noch zum Praktikum pünktlich. Vom Flughafen aus waren es ja keine fünf Minuten mehr zum Hauptbahnhof.
Langsam, alle nacheinander fuhren wir dann in den Bahnhof vom Flughafen ein. Doch auch hier sollte eine böse Überraschung folgen.
„Sehr geehrte Fahrgäste, unsere Lok kann leider nur noch mit fünf Stundenkilometern fahren. Wir bitten sie am Düsseldorfer Flughafen auszusteigen, damit die Lok abgestellt werden kann. Bitte entschuldigen sie die Unannehmlichkeiten.“
Wie bitte? Und wie soll ich nun zur Uni kommen? Nun ja, erstmal aussteigen, dann weitersehen.
Auf dem Gleis traf ich dann einen Kommilitonen von mir. Gemeinsam suchten wir einen Weg den Hauptbahnhof zu erreichen.
Die Lokführer konnten uns nicht weiterhelfen, auch nicht die anderen Bahnangestellten. Mir kam dann die Idee, dass zum Terminal vom Hauptbahnhof aus S-Bahnen fahren. Also machten wir uns mit mehreren Fahrgästen auf den Weg dorthin.
Doch es fuhr keine S-Bahn. „Personenschaden“ hieß es. Mein Kommilitone warf dann auch noch sein Handy unter die im Gleis stehende S-Bahn und ich dachte schon, das Desaster wäre nun perfekt. Zum Glück war der Zugführer so freundlich, die S-Bahn zu rangieren und das Handy herauszuholen. Doch weiterhelfen konnte er uns auch nicht. Er bekam keine Abfahrtsgenehmigung, und wann es weiter gehen würde stand in den Sternen.
Langsam fragte ich mich, ob die WM wirklich so eine gute Idee gewesen war, zumindest für den Berufsverkehr traf dies wohl nicht zu.
Vom Terminal aus kamen wir also auch nicht weiter. Vom Bahnhof fuhr auf unbestimmte Zeit auch kein Zug, also blieben nur noch die Busse.
Nach zehn oder zwanzig Minuten Wartezeit kam auch endlich einer und wir quetschten uns wie Ölsardinen hinein. Koffer, Flugreisende und Fahrgäste der Bahn wollten alle zum Hauptbahnhof.
Nach schier endloser Zeit kamen wir endlich an. Schnell  eine Entschuldigung am Infoschalter geholt, ab in die Straßenbahn und dann waren wir endlich da. Nach vier Stunden Bahnfahrt und mit den Nerven am Ende standen wir endlich im Praktikum und ich verfluchte die WM ein weiteres Mal. Das Resümee dieses Tages lautete: 1 ICE der im Flughafen stehen blieb (davon erfuhren wir später), 2 Regionalbahnen, die die Gleise im Flughafen versperrten, 1 Personenschaden, der die S-Bahnen am Terminal nicht fahren ließ und zu guter Letzt die Fahrt in einem Bus, der einer Ölsardinendose glich.

Fesseln des Lebens

Fesseln des Lebens

„Hiermit wird Bob Railert zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren auf Bewährung verurteilt. Durch zahlreiche Anrufe bei der Vermisstenstelle des Scotland Yard hat er nicht nur die Sicherheitskräfte in die Irre geführt, sondern vor allem die Aufklärungsarbeiten behindert.“

Mit gesenktem Kopf nahm Bob Railert den Urteilsspruch hin. Noch immer wusste er nicht ob er seine Tat bereuen sollte. Ohne das Gesicht zu verziehen ließ er sich die Handschellen anlegen und aus dem Gerichtssaal führen.
Auf dem Weg zum Gefängnis rief er sämtliche Erinnerungen an die letzten Monate wach. Es war an der Zeit für Klarheit zu sorgen und zu erkennen, was er wirklich wollte. Eins war sicher: Er wollte die Unbeschwertheit der letzten Monate zurück gewinnen. Nun wusste er wie sich Leben anfühlte.


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